Logo der Deutsche Handelskammer in Österreich

DHK Neujahrsempfang 2026 - Keynote Prof. Dr. Michael Hüther, IW Köln

  • News

Rückblick | Wettbewerbsfähigkeit unter Druck: Wie schaffen wir den wirtschaftlichen Aufbruch 2026?

Mann im dunklen Anzug am Rednerpult, Keynotesprecher Hüther
(c) Schelhammer Capital Bank_Werner Krug

“Europa muss seine Stärken ausspielen”

 

Michael Hüther: Sicherheit ist Standortfaktor.  Euro muss eine Welt-Leitwährung werden. Deutschland in Schockstarre.

 

“Warum ist die Stimmung so schlecht?”, fragte Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln zu Beginn seiner großen wirtschaftspolitischen Analyse beim Neujahrsempfang 2026 der Deutschen Handelskammer in Graz. Die Stimmung habe sich “entkuppelt von der Lage”, es gebe aber keinen Anlass für ein negatives Bild. “Jeder kann etwas neu und anders machen als bisher”, rief Hüther zu Optimismus und Initiative auf.

 

Die deutsche Wirtschaft stecke in einer Zwickmühle aus anhaltender Stagnation und schwacher Wettbewerbsfähigkeit, sagt Hüther. Deutschland sei 2020 “vom Kurs abgekommen” und befinde sich seither in einer Art Schockstarre. Die größten Probleme sieht Hüther in der Bauindustrie, die mit ihren “Zwölf Aposteln”, den zwölf größten Unternehmen, zu stark vom Staat abhängig geworden seien.  “Wann kommt das Sondermögen endlich auf die Straße”, fragt Hüther, die Defizite in der Infrastruktur belasteten die Unternehmen zunehmend.

 

Für die Zukunftsfähigkeit gelte es, Innovation und Produktivität zu stärken, übermäßige Regulierung abzubauen und zusätzliche Investitionen vorzunehmen. Gleichzeitig muss die Europäische Union die Integration des Binnenmarktes vertiefen und die Kapitalmarkt-Union auf den Weg bringen. Das aktuelle Momentum sollte für eine weiterführende europäische Integration und eine starke internationale Positionierung der EU als wettbewerbsfähiger und resilienter Wirtschaftsstandort genutzt werden.

 

Es “enerviert mich”, formuliert Hüther, dass viele Unternehmen immer gleich an den Staat appellieren, wenn sie Probleme haben. Er sieht fünf große Herausforderungen für die Wirtschaft: Die Demographie: Alterung der Gesellschaft mit Folgen für die sozialen Sicherungssysteme und den Fachkräftemangel. Die Digitalisierung. Die De-Karbonisierung. Die De-Globalisierung. Die Verteidigung.  Deutschland habe sich in den letzten Jahrzehnten als “Friedensdividende” 640 Milliarden Euro für die Verteidigung erspart. “Sie sind für konsumptive Zwecke verbraucht worden”. Militärische Sicherheit sei inzwischen zu einem Faktor der Standortqualität geworden.

 

Hüther warnte ausdrücklich vor einem Ende der Globalisierung: “Der US-Präsident möchte uns weismachen, dass das Wasser aufwärts fließt”. Man dürfe die Globalisierung nicht aufgeben. “Es kann nicht sein, dass die Agrarinteressen über den Gang Weltwirtschaft entscheiden”, sagte Hüther unter Anspielung auf das Mercosur -Abkommen und unter dem Beifall seiner Zuhörer. Die Welt stehe in einem Wettbewerb um neue Handelspartnerschaften. Die Europäer hätten gelernt, dass sie “handlungsfähig und gestaltungswillig” bleiben müssen.

 

Die Voraussetzungen dafür seien nicht schlecht, konstatiert Hüther. Die Europäer müssten ihre Stärken kennen und ausspielen. Gegenüber den USA etwa habe Europa etliche Vorteile: Die Lebenserwartung ist deutlich höher. Der Stromverbrauch pro Kopf ist in den USA beträchtlich höher, außerdem geben die USA extrem hohe Summe für ihr Gefängniswesen aus. Wenig bekannt sei auch, dass amerikanische Militärtechnologie stark auf Zulieferer aus Europa angewiesen ist. Allerdings hätte eine beträchtliche Produktivitätslücke im Technologiesektor.

 

Nach der Keynote führten Hüther, Jauk und Schönbeck -auch das schon eine gute Tradition beim Neujahrsempfang unter der Leitung von ORF-Redakteurin Kathrin Ficzko ein kurzes Gespräch. Jauk beklagte lebhaft dass Überborden der Bürokratie. Arbeitsplätze entstünden “nicht in der Wirtschaft, sondern beim Staat”.  Graz sei dafür ein besonders schlechtes Beispiel. Hüther und Schönbeck plädierten entschieden dafür, den Euro zu einer Welt-Leitwährung zu machen. Schönbeck zog ein positives Resümee:  “Es hat schon viel schwierigere Zeiten gegeben in Europa als heute”.

  

Prof. Dr. Michael Hüther ist Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln und zählt zu den einflussreichsten Stimmen der deutschen Wirtschaftspolitik. Nach Studium und Promotion in Gießen und Norwich war er Generalsekretär des Sachverständigenrates und Chefvolkswirt der DekaBank, bevor er 2004 die Leitung des IW übernahm. Als Honorarprofessor an der EBS Business School und Adjunct Professor an der Stanford University verbindet er wissenschaftliche Exzellenz mit praxisnaher Analyse. Hüther ist vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Verdienstkreuz am Bande, und engagiert sich in führenden Gremien wie der Atlantik-Brücke und dem Kuratorium des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung.

In den Kategorien:

Die neuesten Nachrichten lesen

Alle Neuigkeiten ansehen

Suchen Sie etwas Anderes?

In unserem Informationszentrum finden Sie aktuelle Neuigkeiten, Downloads, Videos, Podcasts...

Zum Info Hub