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Die Next Economy braucht eine neue Art von Egoismus

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Interview - Theresa Schleicher, Zukunftsforscherin und Vordenkerin für Wirtschaft und Handel

Vordergrund Porträtbild Theresa Schleicher. Hintergrundbild ein Einkaufwagen mit Papiertragtaschen, der auf einem Smartphone steht.
(c) Adobe Stock/Theresa Schleicher

Im Zuge einer Studie zur Next Economy des von Matthias Horx initiierten Instituts The Future:Project gibt die Handelszukunftsforscherin Theresa Schleicher Einblicke, wieso sich Europa unabhängiger machen muss – und gerade jetzt die Chance hat, echte Innovationen zu schaffen. Es geht darum, neue Wertschöpfungskonstrukte zu entwickeln, die mit der Realität dieser Welt kompatibel sind. Und das bedeutet auch: Mehr Egoismus als Altruismus in der österreichischen Wirtschaft. Ein exklusiver Auszug aus dem Interview in der Studie.

 

Wir spüren an allen Ecken, dass die heutigen Wirtschaftsmodelle nicht mehr funktionieren. Wie sieht unsere Next Economy in 10 Jahren aus, und welche Herausforderungen muss sie lösen?

 

Die westlichen Wirtschaften stoßen an klare Grenzen. Jahrzehntelang basierte unser Erfolg auf stetigem Wachstum als zentraler Kennzahl. In Deutschland merken wir zunehmend, dass wir darüber hinausdenken müssen – jenseits von Umsatz, Produktivität und klassischen KPIs.

 

In anderen Regionen funktioniert dieses Wachstumsparadigma noch: Technologie einsetzen, Produktion hochfahren, exportieren. Mit Ländern wie Indien oder China werden wir in diesem Modell künftig nicht mehr mithalten können. Es braucht ein neues Denken: Wirtschaft muss nicht nur effizient sein, sondern eingebettet – in ökologische Systeme, globale Zusammenarbeit und technologische Entwicklungen.

 

Das erfordert Muße und die Bereitschaft, sich vom klassischen Leistungsdenken zu lösen. Gleichzeitig ist es eine große Chance für Europa.

 

Was ist die Grundlage, um diese neue Stufe zu erreichen?

 

Ein zentrales Stichwort ist Unabhängigkeit – wirtschaftlich, politisch und gedanklich. Europa sollte sich nicht permanent an größeren Wirtschaftsmächten orientieren, sondern selbst entscheiden, mit wem es kooperiert und auf welchen Werten Wirtschaftssysteme aufbauen.

 

Unabhängigkeit bedeutet auch, vom Knappheits- zum Kapazitätsparadigma zu wechseln. Statt ständig zu fragen, was fehlt, sollten wir uns ansehen, welche Ressourcen, Kompetenzen und Überkapazitäten bereits vorhanden sind – und wie sie sinnvoll genutzt werden können. So entsteht ein stabileres, selbstbewussteres Wirtschaftssystem, das qualitatives und quantitatives Wachstum miteinander verbindet. Europa bringt dafür gute Voraussetzungen mit: Grundstabilität, demokratische Strukturen, soziale Sicherheit und Innovationskraft.

 

Kommen wir in ein neues Zeitalter der Innovation?

 

Als Zukunftsforscher:innen kennen wir Phasen, in denen Innovation inflationär benutzt wird. Wenn es uns wirtschaftlich sehr gut geht, überall neue Trends ausgerufen werden und sich jede:r Innovationsmanager nennt, verliert der Begriff an Bedeutung. Jetzt kommen wir in eine andere Phase. Wir müssen wieder grundsätzlicher fragen: Was sind eigentlich echte Innovationen? Denn nur weil etwas technisch möglich ist, heißt das noch lange nicht, dass es sinnvoll ist.

 

In Europa sind die zentralen Herausforderungen klar benannt. Der demografische Wandel ist keine abstrakte Zukunft, die Zahlen für 2030 oder 2035 liegen längst vor. Beim Klima ist es ähnlich. Wir müssen zu einer wirtschaftlichen Klimawahrheit kommen und ernsthaft überlegen: Was machen wir jetzt? Welche Innovationen brauchen wir wirklich? Innovation muss sich künftig daran messen lassen, ob sie unsere grundsätzliche Existenz sichert – einen guten, lebenswerten Alltag. Nicht daran, ob ein Roboter noch eine zweite Banane greifen kann.

 

Unsere zentrale Aufgabe wird sein, Wirtschaft und Gesellschaft so zu gestalten, dass Industrie, Unternehmen und Menschen gerne in Europa bleiben und genau an diesen Fragen arbeiten wollen. Das ist eine wirtschaftliche ebenso wie eine gesellschaftliche Aufgabe. Innovation darf nicht nur schneller, größer, weiter bedeuten, sondern muss sich an den Grundwerten unserer Gesellschaft und unseres Planeten orientieren.

 

Du erforschst Handelszukünfte weltweit. Wie werden wir in der Next Economy handeln?

 

Der Welthandel ist stark aufgebläht. Dieses Prinzip, immer mehr Produkte zu immer günstigeren Preisen in den Markt zu drücken, funktioniert nur noch begrenzt. Rabatte, Rabatte, Rabatte – das ist, als würde man versuchen, eine tote Kuh immer wieder zu beleben. Das geht noch ein paar Jahre gut, aber nicht dauerhaft. In Zukunft wird es weniger Handelsunternehmen und weniger Produkte geben als in der bisherigen Hochphase. Auch im Handel brauchen wir den Wechsel vom Knappheits- zum Kapazitätsdenken.

 

Konsum wird wieder stärker lokal geprägt sein. Das heißt nicht, dass wir ausschließlich lokale Märkte oder Tante-Emma-Läden haben werden, aber wir sehen eine klare Verschiebung hin zu regionalerer Produktion und lokalem Konsum.

 

Dazu kommt eine neue Preisstruktur, in der ökologische Wahrheit enthalten ist. Produkte, die hochwertig, lokal, nachhaltig, kreislauffähig hergestellt werden, müssen sich auch realistisch im Preis widerspiegeln. Diese ökologische Wahrheit muss in eine wirtschaftliche Wahrheit übersetzt werden. Eigentlich ist das eines der logischsten Themen – und gleichzeitig eines, an dem bislang viel zu wenig konsequent gearbeitet wird.

 

Wer oder was treibt die Entwicklung zur Next Economy voran?

 

Am Ende schafft sich das System selbst ab, weil es nicht mehr funktioniert. Das heißt nicht, dass niemand Verantwortung trägt – aber es kann auch nicht eine einzelne Gruppe leisten, weil wir all“e Teil dieses Systems sind. Wir merken bereits: Trotz eines riesigen Angebots wird weniger gekauft. Viele Menschen sind gesättigt – wir haben den dritten Föhn, den Airfryer, genug Möbel und mehr Kleidung, als wir tragen können. Der nächste Kauf erzeugt keinen echten Mehrwert und auch keinen Kick mehr. Gleichzeitig werden diese Absurditäten durch Plattformen wie Shein oder Temu noch zugespitzt: extrem viel Konsum zu extrem niedrigen Preisen. Das ist ein Zeitmarkt, der das Prinzip Überfluss auf die Spitze treibt.

 

Dieses System stößt an Grenzen. Weder Konsument:innen noch Unternehmen noch der Planet machen ein Modell mit, das nur auf Effizienz, Preisdruck und Mengensteigerung setzt. Die Bedürfnisse verändern sich, und damit auch die gesamte Wertschöpfungskette. Der Wandel hin zu einer Next Economy ist deshalb keine idealistische Frage, sondern eine wirtschaftlich-unternehmerische. Es geht darum, neue Wertschöpfungskonstrukte zu entwickeln, die mit der Realität dieser Welt kompatibel sind.

 

Befreit uns das von individueller Verantwortung?

 

Nicht vollständig. Aber es befreit von dem Gefühl, allein gegen das System handeln zu müssen. Solange der Schmerz noch nicht individuell spürbar ist, übernehmen viele Verantwortung stellvertretend – für andere, für kommende Generationen. Irgendwann kippt das. Verantwortung wird dann aus Eigeninteresse übernommen. Und das meine ich positiv! Wir sehen das heute schon bei Themen wie Gesundheit und Langlebigkeit. Denn was bringt ein langes Leben, wenn die Welt unbewohnbar wird oder Versorgungssicherheit fehlt? In Zukunft geht es darum, den eigenen Wohlstand, die eigene Familie, ein gutes Leben zu sichern. Dafür müssen sich bestimmte Parameter ändern. Das ist keine Frage von Moral oder Ideologie, sondern eine Frage des Überlebens und der wirtschaftlichen Realität.

 

Fallen dir Best Practices aus Handel oder Retail ein?

 

Ehrlich gesagt: nur sehr wenige. Es gibt heute viele ökologisch gut gedachte Unternehmen, aber oft fehlt der größere wirtschaftliche Blick auf globale Zusammenhänge, auf politische Realitäten, auf Wertschöpfung jenseits des eigenen Unternehmens.

 

Wir brauchen neue Wertschöpfungsmodelle, in denen Unternehmertum, Nachhaltigkeit, Freiheit und wirtschaftliche Realität zusammengedacht werden. Dazu gehört auch anzuerkennen, dass Ungleichheit, Vermögensunterschiede und Eigeninteresse Teil unserer Welt sind.

 

Denn Egoismus ist nichts grundsätzlich Negatives. Menschen handeln nicht selten egozentrisch. Entscheidend ist, wie dieser Egoismus kanalisiert wird. Wenn Menschen und Unternehmen darauf achten, dass es ihnen langfristig gut geht, entstehen oft stabilere, verantwortungsvollere Systeme.

 

Wir brauchen auch bei nachhaltig aufgestellten Unternehmen ein stärkeres egoistisches Denken, nicht nur altruistisches Denken. Im Moment gibt es nur die Egoisten, die auf Kosten anderer leben oder die Altruisten, die sich schwächer darstellen, als sie es müssten.

 

Am ehesten sehe ich Ansätze für eine Kombination aus Egoismus und Altruismus im Mittelstand: Unternehmer:innen, die Kreislaufwirtschaft, stabile Kooperationen und langfristige Resilienz nicht aus Idealismus verfolgen, sondern aus unternehmerischer Vernunft – heute und mit Blick auf die nächsten zehn Jahre.

 

Für mehr Informationen und einen persönlichen Austausch in Folge, besuchen Sie die Website theresaschleicher.de

 

Theresa Schleicher gehört zu den führenden Zukunftsforscherinnen und Vordenkerinnen für Wirtschaft und Handel. Mit ihrem visionären Blick auf Trends und Innovationen gestaltet sie die Transformation von Unternehmen und Gesellschaft. Sie ist Advisor und Zukunfts-Sparringspartnerin für Handelsunternehmen und DAX Konzerne, u.a. der Porsche AG, The Future:Project oder das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie.

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