„Europa soll nicht nur ein Kontinent der industriellen Innovation sein, sondern auch ein Kontinent der industriellen Produktion.“ Diese Aussage von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen beim Europäischen Industriegipfel am 26. Februar 2025 in Antwerpen gibt der Industrie Hoffnung. Denn der Industriestandort Europa steht zunehmend unter Druck, vor allem durch hohe Energiepreise.
Hohe Strompreise als Wettbewerbsnachteil
Trotz eines leichten Rückgangs der Strompreise seit der Energiekrise 2022/23 zahlen viele europäische Unternehmen noch immer fast dreimal so viel für Strom wie ihre US-amerikanischen Wettbewerber. Laut einer Analyse des wirtschaftsliberalen Thinktanks Agenda Austria liegen die Industriestrompreise für kleine und mittlere Abnehmer oft bei über 20 Cent pro Kilowattstunde, während in den USA nur etwa sieben Cent fällig sind.
Diese massiven Kostenunterschiede schwächen die internationale Wettbewerbsfähigkeit europäischer Unternehmen erheblich.
Deindustrialisierung: Abwanderung aus Deutschland und Österreich
Die hohen Energiekosten sind ein wesentlicher Faktor für die zunehmende Verlagerung von Industrieproduktionen ins Ausland.
- Deutschland: Eine Umfrage der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) zeigt, dass zwei Drittel der Industrieunternehmen die hohen Energie- und Rohstoffpreise als größte Bedrohung ansehen. Dementsprechend liegen auch die Investitions- und Beschäftigungspläne der Unternehmen unter dem Schnitt der Gesamtwirtschaft. Laut dem Energiewendebarometer 2024 erwägen 40 % der Unternehmen, ihre Produktion in Deutschland einzuschränken oder ins Ausland zu verlagern.
- Österreich: Ein ähnliches Bild zeigt sich in Österreich. Laut dem „Österreichischen Infrastrukturreport 2024“ zieht jedes zweite Unternehmen in Betracht, zumindest Teile der Produktion ins Ausland zu verlagern. Eine Studie des Beratungsunternehmens Deloitte aus dem Frühjahr 2024 verdeutlicht, dass dieser Trend schon länger anhält. Demnach haben 41 % der befragten Industriebetriebe angegeben, dass sie in den vergangenen 3 Jahren bereits Teile ihrer Wertschöpfungskette moderat in das Ausland verschoben haben.
Was den Preis nach oben treibt
Die Ursachen für die teure Energie sind vielfältig. Einerseits steigen in Deutschland die Preise, weil das Energieangebot durch den politisch eingeleiteten Atom- und Kohleausstieg verknappt wurde, ohne zeitgleich in neue witterungsunabhängige Kapazitäten zu investieren. Andererseits sind mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien die Systemkosten erheblich angestiegen.
In Österreich führen ebenfalls Witterungsabhängigkeit in der Stromproduktion und der mangelnde Netzausbau zu höheren Strompreisen. Dazu kommen hohe Abgaben. Beiden Märkten gemein ist mangelnde Flexibilität. Stärkerer Austausch und Stromhandel zwischen den Ländern wären Möglichkeiten, um einen Teil der dringend benötigten Flexibilitäten zu schaffen.
Werden die Weichen neu gestellt?
In Österreich ist erst seit Anfang März 2025 eine neue Regierung im Amt. Im Arbeitsprogramm der neuen Dreier-Koalition ist von gezielten Maßnahmen die Rede, um „die Energieversorgung in Österreich langfristig zu sichern und Energiepreise möglichst rasch und nachhaltig auf ein wettbewerbsfähiges sowie planbares Niveau zu senken. Die Pläne der noch jüngeren neuen Regierung in Deutschland lagen zu Redaktionsschluss dieses Artikels noch nicht vor.
Was jedoch bekannt ist, sind die zu Beginn angesprochenen Ankündigungen beim Industriegipfel in Antwerpen: berechenbarere und strukturell niedrigere Preise. Die Vorhaben im Zuge des EU-Aktionsplans für erschwingliche Energie wurden von Von der Leyen klar dargelegt: Die Nutzung sauberer Energie und die Elektrifizierung beschleunigen, für gut funktionierende Gasmärkte sorgen sowie Verbundsysteme und Netze ausbauen.
Die Umsetzung dieser Maßnahmen wird entscheidend sein, um die Industrie in Deutschland und Österreich wettbewerbsfähig zu halten und eine weitere Abwanderung zu verhindern.
Autorin: Sissi Eigruber, TextHelden