Es verändert sich 2025 etwas in der Diskussion von KI. Die Euphorie und die Angst weicht der unternehmerischen Sichtweise. Das ist sinnvoll, denn es zeigt sich, dass die Gesellschaft längst weiter ist als viele Unternehmen. 75 % der Jugendlichen in Österreich haben laut dem Jugend-Online-Monitor 2025 bereits sprachbasierte Chatbots genutzt. Ein Drittel der 12- bis 28-Jährigen in Österreich verwendet ChatGPT regelmäßig. Eine neue Generation wächst heran. Für 42 % der AI-Natives (Alter 12-19 Jahre) ist es irrelevant, ob sie mit einem Bot oder einem Kundenberater online sprechen, solange der Service stimmt. Sie erwarten von Unternehmen nicht nur Lösungen, die funktionieren, sondern auch inspirieren und für Neues begeistern. Das ist gerade jetzt, in Zeiten bewussten Konsums, voller Lager und Billigaktionswahns, für den Handel in Österreich besonders wichtig.
Was abhält, ist ein oft festgesetzter Irrglaube: Viele Händler im Mittelstand schrecken vor KI-Lösungen zurück, weil ihnen eingebläut wird, dass sie teuer, aufwendig oder kompliziert seien. Konzerne tun sich mit ihren großen Transformationen hingegen schwer, KI mit Kreativität und Leichtigkeit zu verbinden. Doch damit verpasst der Handel viele einfache Chancen, neue Kunden zu erreichen und zu begeistern.
Drei wirtschaftliche Strategien für KI im österreichischen Einzelhandel:
- Von vollen Lagern zu personalisierten Empfehlungen und neuen Produkthighlights
KI-Tools analysieren das Kundenverhalten, Nachfragetrends, Präferenzen und Kaufhistorien, um maßgeschneiderte Produktempfehlungen zu erstellen. Dabei geht es nicht nur darum, Kund:innen an häufig gekaufte Produkte zu erinnern oder ergänzende Empfehlungen zu geben, um den Warenkorb kreativer zu gestalten. Vielmehr liegt der Fokus zunehmend auf der Entwicklung neuer Produkte und Eigenmarken, basierend auf den stetig wachsenden Datenmengen aus bestehenden Käufen, Suchanfragen, Bewertungen sowie lokalen und saisonalen Präferenzen und Social-Media-Trends. Ein Beispiel dafür liefert der asiatische Supermarkt Hema von Alibaba, der neben vorhandenen Daten gezielt Kundenfeedback aus Wettbewerben und Umfragen nutzt, um neue Produkte zu entwickeln. Wer im Mittelstand erst einmal mit den vollen Lagern und bestehenden Produkten beschäftigt ist, kann mit KI und intelligenten Warenwirtschaftssystemen schnell erkennen, zu welchem Preis, an welchem Ort und in welcher Filiale seine Produkte besser funktionieren. Aber auch mit einem Klick Lagerbestände an digitale Plattformen wie eBay, Kaufland oder Amazon verkaufen.
- KI-Kunden-Tools sind Konsumtreiber und echte Services
KI-gestützte Assistenten und intuitive Chatbots, die Sinne wie Tasten, Hören und Sehen simulieren, ermöglichen eine Interaktion mit Onlineshops oder den Kunden-Apps, die sich zunehmend wie ein Gespräch mit einem menschlichen Verkäufer anfühlt. Ein Beispiel ist das deutsche Start-up FrontNow, dessen Bot Fragen wie „Was brauche ich für Gericht XY?“, „Was soll ich essen, wenn ich eine bestimmte Ernährungsweise verfolge?“ oder „Was brauche ich, um meinen Gartenzaun zu reparieren?“ beantworten kann. Konsument:innen gewöhnen sich zunehmend an sinnlich intuitive Tools, die sehen, fühlen und sprechen. Von sprachbasierten und intuitiven Rezeptdatenbanken bis zu Avatar-Kochhelfern, die Kund:innen neue Impulse im Lebensmittelbereich geben. Hier gibt es noch viel Potenzial. In anderen Branchen haben KI-Tools eine besonders umsatzsteigernde Wirkung. Start-ups wie Arch AI deuten nur an, dass es heute möglich ist, die eigene Wohnung abzufotografieren, und in Sekunden wird sie virtuell neu renoviert und umgestaltet. Für Interieur sowie die Garten- und Baumarktbranche bietet das ganz neue Chancen, Menschen zu inspirieren, die sonst vor weißen Wänden oder grünen Rasenflächen stehen und dann aus Vorsicht oder fehlender Kreativität die „Standards“ im Markt kaufen. Eine Baumarktkette fragte kürzlich nach einem passenden Start-up, doch dann haben wir es in ein paar Wochen selbst gebaut – es ist so einfach.
- Der demografische Shift: Von Fachkräftemangel zu digital souveränen Führungskräften
Lange Zeit dominierte die Sorge um den demografischen Wandel das Narrativ der Arbeitswelt: Der Mangel an jungen Fachkräften werde Unternehmen vor immense Herausforderungen stellen. Doch während viele noch über das Problem diskutieren, zeichnet sich in den kreativen Branchen der DACH-Region bereits ein bemerkenswerter Wandel ab. Gerade die oberen Altersklassen, die sich aktiv mit generativer KI auseinandersetzen, erleben derzeit eine vielversprechende Zukunft. Sie kombinieren ihre Jahrzehnte an Erfahrung, Fachwissen und Arbeitskompetenz mit KI-gestützten Tools – und sind damit in der Lage, schneller, effizienter und präziser zu produzieren, zu analysieren und innovative Lösungen zu entwickeln. In vielen Bereichen entsteht dadurch ein Ausgleich: Während junge Fachkräfte zunehmend von KI-Tools unterstützt oder in manchen Fällen sogar ersetzt werden, entwickeln sich erfahrene Mitarbeiter:innen zu digital souveränen Führungskräften, die nicht nur Technologie verstehen, sondern vor allem wissen, welche Informationen, Impulse und kreativen Ideen sie in KI-Systeme einspeisen müssen, um Kaufimpulse, Innovationen und neue Beziehungen zu gestalten.
Weitere KI-Ausblicke, Beispiele und Strategien der Zukunftsforscherin Theresa Schleicher gibt es in der Zukunftsstudie Handel 2025 zu kaufen: www.zukunftsstudiehandel.de
Individuelles Zukunftswissen von Theresa Schleicher:
Theresa Schleicher gilt als führende Handels-Zukunftsforscherin in Deutschland. Sie berät Handels- und Wirtschaftsunternehmen, unter anderem die Porsche AG, das renommierte Zukunftsinstitut und das Bundeswirtschaftsministerium in Deutschland. Theresa Schleicher war jüngste Strategie-Geschäftsführerin in der Hirschen Group, einem der größten Beratungs- und Kreativunternehmen in Deutschland. Seit 2015 ist sie Jurymitglied von internationalen Handels-Innovationspreisen. Ihre Forschungen und individuelle Beratung gibt sie in Vorträgen und Zukunftsworkshops weiter, angepasst für kleine und große Einzelhändler sowie Hersteller, und in 1:1-Coachings.
Autorin: Theresa Schleicher, Handels-Zukunftsforscherin