- Der Versorgungsengpass hat sich vom Rohöl zu den Raffineriekapazitäten verlagert
- Crack-Spreads als Maß für die Rentabilität des Raffineriesektors signalisieren weiterhin erhebliche Marktanspannung und gestiegene Margen
- Treibstoffpreise sanken in Österreich deutlich weniger als Rohölpreise
- Die geopolitische Lage im Nahen Osten bleibt ein großer Risikofaktor für Preisschwankungen von Rohöl
- Begrenzte Raffineriekapazitäten könnten die Energieinflation auch bei stärker sinkenden Rohölpreisen länger auf erhöhtem Niveau halten
- Geldpolitischen Herausforderungen für die EZB nehmen zu: EZB-Zinserhöhung im September ist zu erwarten
Obwohl die internationalen Rohölpreise trotz anhaltender geopolitischer Spannungen zuletzt auf knapp über 70 Euro je Barrel gesunken sind, bleiben die globalen Kraftstoffmärkte angespannt. Ursache sind mittlerweile weniger Versorgungsrisiken bei Rohöl als vielmehr begrenzte Raffineriekapazitäten.
„Die Märkte signalisieren eine ausreichende Rohölverfügbarkeit, während die Verarbeitungskapazitäten hinter der Nachfrage zurückbleiben. Dadurch bleiben die Preise für raffinierte Produkte hoch, obwohl die Rohölnotierungen deutlich nachgegeben haben“, meint UniCredit Bank Austria Chefökonom Stefan Bruckbauer und ergänzt: „Der energiebasierte Inflationsdruck hält damit an und erschwert die geldpolitischen Entscheidungen der Europäischen Zentralbank.“
Engpass verlagert sich entlang der Wertschöpfungskette
Diese Entwicklung zeigt sich deutlich in den sogenannten Crack-Spreads, ein weit verbreitetes Maß für die Rentabilität des Raffineriesektors, das die Differenz zwischen dem Wert raffinierter Produkte und dem Preis von Rohöl misst. Normalerweise entwickeln sich Rohöl- und Treibstoffpreise weitgehend parallel, wodurch die Raffineriemargen relativ stabil bleiben. In den vergangenen Wochen haben sich die Margen jedoch deutlich ausgeweitet und das höchste Niveau seit der Energiekrise 2022 erreicht.
Hintergrund sind Produktionsausfälle und Kapazitätseinschränkungen an wichtigen Raffineriestandorten. Mehrere Anlagen im Nahen Osten arbeiten derzeit unter ihrer technischen Auslastung und russische Raffineriekapazitäten wurden infolge des Ukraine-Kriegs erheblich beeinträchtigt.
Sinkende Rohölpreise kommen nur begrenzt bei Verbraucher:innen an
Die Verlagerung des Engpasses von der Rohölförderung zur Verarbeitung führt dazu, dass niedrigere Rohölpreise nur eingeschränkt an den Zapfsäulen spürbar werden.
„Auch in Österreich zeigt sich eine zunehmende Entkopplung zwischen Rohöl- und Treibstoffpreisen. Während der Rohölpreis seit seinem Höchststand Anfang Mai 2026 um mehr als 20 Prozent von rund 95 auf etwas über 70 Euro je Barrel gesunken ist, haben Diesel- und Benzinpreise deutlich weniger nachgegeben“, meint UniCredit Bank Austria Ökonom Walter Pudschedl.
In der ersten Augusthälfte kostete Diesel an österreichischen Tankstellen durchschnittlich 2,01 Euro je Liter, Superbenzin 1,78 Euro. Nach Abzug von Umsatzsteuer, Mineralölsteuer und CO₂-Bepreisung ergeben sich Nettopreise von rund 1,15 Euro für Diesel beziehungsweise 0,88 Euro für Benzin. Gegenüber ihren Höchstständen sind diese lediglich um rund 5 Prozent gesunken.
Energiepreise bleiben ein wesentlicher Inflationstreiber
Obwohl Energieprodukte nur rund 8,2 Prozent des österreichischen Warenkorbs ausmachen, waren sie seit Beginn des Iran-Konflikts für rund ein Fünftel der gesamten Inflation verantwortlich.
Nach einem Rückgang der Inflation auf rund 2 Prozent zu Jahresbeginn 2026 sorgten steigende Treibstoffpreise ab März für eine Trendwende. Zwischen März und Juli lag die Inflation durchschnittlich bei 3,2 Prozent. Die Energiepreise trugen dabei mehr als 0,6 Prozentpunkte zur Gesamtteuerung bei. Besonders stark fiel der Beitrag der Treibstoffe aus: Diesel war für rund 13 Prozent und Benzin für knapp 6 Prozent der gesamten Inflation verantwortlich. Zusätzlicher Preisdruck ging von höheren Preisen für Erdgas und Heizöl aus. Dämpfend wirkten hingegen die im Jahresvergleich gesunkenen Strompreise.
Entlastung durch niedrigere Rohölpreise blieb begrenzt
„Mit Beginn der zweiten Jahreshälfte hat sich die Inflation zwar auch durch den geringeren Preisauftrieb von Energie abgeschwächt, der Rückgang hätte angesichts der niedrigeren Rohölpreise jedoch stärker ausfallen müssen“, betont Pudschedl.
Nach vorläufigen Schätzungen sank die Inflationsrate im Juli auf 2,7 Prozent und damit erstmals seit Ausbruch des Iran-Konflikts wieder unter die Marke von 3 Prozent. Gleichzeitig stiegen die Energiepreise im Jahresvergleich um 5,7 Prozent. Gegenüber dem Vormonat erhöhten sie sich um 1,2 Prozent, obwohl der durchschnittliche Rohölpreis leicht unter dem Juniniveau lag.
Bei unveränderten Raffineriemargen hätte der durchschnittliche Rohölpreis von 72,5 Euro je Barrel im Juli um rund 10 Cent je Liter niedrigere Treibstoffpreise ermöglicht. Die Gesamtinflation wäre dadurch um mehr als 0,2 Prozentpunkte geringer ausgefallen.
Zusätzlich verstärkte die schrittweise Rücknahme der staatlichen Benzinpreisbremse den Inflationsdruck. Die im April eingeführte Entlastung von 5 Cent je Liter wurde sukzessive reduziert und beträgt aktuell nur noch 0,8 Cent je Liter.
EZB dürfte im September nochmal nachlegen
Hohe Energiepreise beeinflussen nicht nur die aktuelle Inflation, sondern auch die Inflationserwartungen. Über höhere Transport- und Produktionskosten sowie steigende Lohnforderungen besteht das Risiko, dass sich der Preisdruck auf weitere Bereiche der Wirtschaft ausweitet.
„Wir erwarten für Österreich im Jahr 2026 eine durchschnittliche Inflation von 3,2 Prozent. Auch im Euroraum dürfte die Teuerungsrate mit 2,9 Prozent oberhalb des EZB-Ziels liegen“, sagt Pudschedl.
Für die Europäische Zentralbank bleibt die Lage herausfordernd: Während sich die Rohölmärkte beruhigt haben, verhindern hohe Raffineriemargen und Kapazitätsengpässe einen stärkeren Rückgang der Energiekosten.
„Die geopolitischen Risiken im Nahen Osten, die Unsicherheit auf den Energiemärkten und die robuste Entwicklung der Arbeitsmärkte sprechen dafür, dass die EZB ihren Straffungszyklus noch nicht abgeschlossen hat. Wir rechnen daher weiterhin mit einer Anhebung der Leitzinsen um 25 Basispunkte bei der September-Sitzung“, so Bruckbauer.
Unter der Annahme, dass es zu keiner weiteren Eskalation an den Energie- und Rohstoffmärkten kommt, dürfte diese Zinserhöhung den Endpunkt des aktuellen Straffungszyklus markieren. Der Einlagensatz würde damit seinen Höchststand von 2,50 Prozent erreichen.
Gleichzeitig bleiben die Risiken erhöht. Anhaltende Raffinerieengpässe, eine Verschärfung der geopolitischen Spannungen oder zusätzliche Preissteigerungen bei Nahrungsmitteln könnten den Inflationsrückgang verzögern und eine länger restriktive Geldpolitik erforderlich machen.
Weitere Informationen in der Analyse: Entkoppelung von Rohöl- und Treibstoffpreisen erhöht Inflationsrisiken, UniCredit Bank Austria, August 2026.