Rückblick Technologieforum 2017

Digitale Transformation

Das Technologieforum wurde zusammen von DHK und Fraunhofer Austria veranstaltet, dessen Chef, Wilfried Sihn die Tagung leitete. Dieter Hundt, Präsident der Deutschen Handelskammer in Österreich, begrüßte die Teilnehmer wie immer mit einer selbstkritischen Bemerkung: „Die Digitalisierung hat ja nicht eingeschlagen wie ein Meteorit“ und trotzdem habe Deutschland, das den Begriff und die Sache „Industrie 4.0“ erfunden hat, „starken Aufholbedarf“. Die Sorge, dass Deutschland abgehängt werde, sei leider nicht unberechtigt. Jürgen Schäfer von der Geschäftsleitung der Wirtschaftsagentur des Bundeslandes Baden-Württemberg schlug einen ähnlichen Ton an und wies vor allem darauf hin, dass Digitalisierung „nicht nur etwas für die Großen, sondern auch für die kleinen und mittleren Unternehmen ist“.

Das Technologieforum begann mit einer „Dinner-Night der Innovationen“im Tech Gate Vienna in der UNO-City. Die eigentliche Arbeitstagung fand dann im Novomatic-Forum statt. Sihn begann sie mit der sarkastischen Feststellung, der Zug der Digitalisierung sei in Österreich überhaupt noch nicht in Fahrt, in Deutschland habe er „wenigstens schon den Bahnhof verlassen“. Ihr großer Nutzen werde nicht aus technischen Neuerungen, sondern aus neuen Geschäftsmodellen kommen.

Europa hinter Indien und den USA

Manfred Broy, Präsident des ZD.B., des Zentrums Digitalisierung Bayern nannte die Digitalisierung die „größte Technik-getriebene Veränderung der Neuzeit“, wichtiger als Buchdruck und Automobil. Sie verändere vor allem Bewusstsein und Verhalten der Bürger. Auch er konstatierte, dass Europa bei der Digitalisierung „weit abgehängt“ etwa hinter Indien und den USA sei. Er plädierte dringend dafür, Informatik als „Bildungsinhalt für sich“ zu betrachten und zu einem Unterrichtsgegenstand in der Schule zu machen. „Wir brauchen in den Unternehmen Chefs, die die Software in der Tiefe verstehen“. Broy warnte davor, dass sich die großen Internet-Konzerne aus den USA „zwischen die Konsumenten und die (z.B. europäischen) Produzenten schalten“.

Revolution in der Fertigung

Peter Pirklbauer, Oberösterreicher in Hamburg, der bei Airbus Innovation Manager Emerging Technologies und Concepts ist, führte in die faszinierende Welt des 3D-Drucks in der Flugzeugindustrie ein. Bestandteile aus dem 3-Drucker übertreffen schon oft die Qualitätsstandards von herkömmlich produzierten Stücken. „Eine Fertigungsrevolution hebt ab“, nannte er seinen Beitrag.

Frank Possel-Dölken, Vice President Corporate Technology & Value Chain bei Phoenix Contact sagte, in Zukunft werde die Industrie nicht mehr Massenprodukte liefern, sondern immer mehr individuell maßgeschneiderte und nicht mehr nur Gegenstände, sondern geschlossene Systeme. Für den Maschinenbau bedeute das vollprogrammierbare kostengünstige Mehrzweckmaschinen. Er möchte von einer „leandustry 4.0“ sprechen.

Geld mit Service verdienen

Gabriel Wetzel ist Head of Business Unit „Internet of Things and Smart City bei Bosch Software Innovations. „Derzeit verdienen wir Geld mit Komponenten, in Zukunft muss dazu das Service kommen“. Beim Internet der Dinge (IoT) gehe es darum, Informationen über die Verwendung und den Einsatz von Geräten zu gewinnen und damit deren Effizienz zu verbessern. Seine Firma habe beispielsweise Sensoren für Spargelfelder entwickelt, die dem Bauern mitteilen, wann die Früchte erntereif sind.

Hermann Obermair ist General Manager für Österreich bei Bernecker + Rainer Industrie Elektronik. Er forderte eine Abstimmung unter den großen Herstellern, um gemeinsame Kommunikationsstandards auf der Basis von OPC UA zu schaffen. Wichtig wäre es auch, Rollen- bzw. Maschinenbezogene visualisierte Bedienungsanleitungen nach HTML5 für nicht gut ausgebildete Operator zu verfassen. Obermair sieht als größtes Zukunftsproblem für den Industriestandort die immer geringere Zahl von MINT-Studenten.

Fabrikshalle und Kunstatelier

Markus Langen-Swarowski führte in eine Welt, in der Industrie und künstlerische Kreativität einander begegnen und befruchten. Für ihn ist die Digitalisierung ein „Gesamtkunstwerk“, die die „Arbeit wieder menschlicher macht“. Für Swarowski definierte er das Ziel: „Wir wollen ein Technologie-Konzern sein, der im Schmuck-Geschäft tätig ist. Das digitale Öko-System Swarowski.“ Man habe eine „Manufaktur für neue Entwicklungen“ gegründet, eine „Mischung aus Fabrikshalle und Kunstatelier“.

Frank Hensel, Vorstandsvorsitzender von Rewe International, das von Niederösterreich aus das gesamte Auslandsgeschäft des deutschen Lebensmittelriesen steuert, räumte mit der Vorstellung auf, Digitalisierung finde im Handel nicht statt. „Sie ist schon längst Wirklichkeit bei uns“, allerdings lieferten die Anbieter nur Technologien, aber keine Lösungen, „die müssen wir selbst erfinden“. Hensel ist überzeugt davon, dass auch in Zukunft im Einzelhandel der Mensch eine wichtige Rolle spielen werde. „Es wird kein Geschäft geben, in dem Sie nur Roboter treffen“.

Noch sei der online-Handel mit 30 Millionen Euro Umsatz sehr bescheiden und auch unrentabel, „aber das ist irrelevant, wir sind dazu verdammt, die Entwicklung mitzumachen“, sagte Hensel. Bei Bipa gebe es schon viele Artikel, die nur online zu bekommen sind. Hauptsache sei, dass der Kunde als ganzer gesehen werde. „Es ist immer derselbe Kunde, er bedient sich nur verschiedener Kanäle. Ich will aber nicht, dass das Individuum totaler Kontrolle unterliegt.“

Frithjof Netzer, Leiter von BASF 4.0, sieht die besondere Herausforderung in seiner Branche, die Menschen „mitzunehmen“. „Ohne Chemie“ gelte heute als Qualitätszeichen, obwohl es kaum ein Produkt gebe, das ohne Chemie auskommt. Besonders wichtig in der chemischen Industrie sei die Sicherheit, weil oft mit toxischen Substanzen und mit hohen Temperaturen gearbeitet werde. Auch Netzer stimmte in den Grundtenor der Tagung ein, dass es nicht genüge, nur Waren und Anwendungen zu verkaufen, sondern dass auch die Expertise, die darin steckt, ihren Preis haben müsse.

Hans Kostwein, ist Geschäftsführer der Kostwein Maschinenbau GmbH. Jedes Unternehmen müsse sich seine eigene 4.0 erarbeiten, sagte er. Bei ihm komme aber jedenfalls lean vor digital.

Mit mehr Daten zu mehr Wertschöpfung

Gerhard Baum, Chief Digital Officer bei Schaeffler, stellte Frage, wie etwa ein Automobil- und Industriezulieferer die großen Mengen an Daten, die anfallen, nutzen, also weiterverarbeiten und daraus zusätzliche Wertschöpfung generieren kann. Die Herausforderung sei, die mechanische Welt der Produktion mit der digitalen Welt zusammenzubringen.

Stefan Engleder, Vorsitzender der Geschäftsführung von Engel Austria, einem Familienunternehmen in vierter Generation. Sein Unternehmen, das Spritzgussmaschinen auf hoher Qualitätsstufe erzeugt, leidet unter starkem Fachkräftemangel und entwickelt deshalb Assistenzsysteme, die die Bedienung durch Menschen ersetzen. Für ihn sei entscheidend, sagte Engleder, die Kontrolle über die Daten zu behalten, auch eine Kostenkontrolle. Man dürfe es nicht zulassen, dass Daten an Intermediäre gelangen und dadurch möglicherweise an Wettbewerber.

Andreas Bierwirth, Vorsitzender der Geschäftsführung von T- Mobile Austria beschäftigte sich mit der Frage, wie Start-ups mit bestehenden Unternehmensstrukturen in Verbindung gebracht werden können. Wenn man ein Start-up nicht kaufen kann, solle man eine Partnerschaft suchen. Start-ups könnten helfen, Trends zu erkennen und sie denken oft „outside the box“. Sie bringen einen Hauch von Entrepreneurship ins Unternehmen und könnten dadurch eine kulturelle Bereicherung sein. Große Firmen ihrerseits hätten auch den Start-ups etwas bieten: Datenzugang, auch Zugang zu anonymisierten Daten, Vertriebsmöglichkeiten und Kundenservice.

Hans Winkler

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